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  • Gunnar Engel

Lass mal den brennenden Busch in Ruhe

Die Bibel ist das Buch der Bücher. Über kein anderes Buch wurden so viele Kommentare, Untersuchungen, Artikel und andere Bücher geschrieben. Nun ist es so, dass sich die Bibel aus 66 einzelnen Schriften zusammensetzt. Dennoch sprechen wir von einem Buch. Von einer Einheit. Warum ist das wichtig? Theologisch gesehen, ist die Bibel eine große Geschichte – und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. Zusammengehalten wird diese Geschichte von Jesus und seinem Handeln. Deshalb sagt man auch, dass Jesus die Mitte der Schrift ist.

Jesus ist die Mitte der Schrift

Evangelische Christen sind christuszentriert. Das ist richtig so und steht gar nicht zur Debatte. Jesus ist die Mitte unserer Theologie und die Mitte unseres Glaubens.

Jesus ist die Mitte der Schrift. So schön hat Luther es einmal gesagt. Er meint damit, dass das ganze Alte Testament nicht eine vom Neuen Testament vollständig zu unterscheidende Größe ist. Nimmt man Jesus als Mitte der Schrift an, lässt sich die Bibel in drei Bereiche teilen:

  1. Das Alte Testament weist auf die Ankunft des Messias Jesus hin.

  2. Die Evangelien berichten von seinem Leben, Sterben und seiner Auferstehung.

  3. Die übrigen Schriften des Neuen Testaments zeigen die Folgen des Sterbens und der Auferstehung Jesu.

Die Aussage, dass Jesus die Mitte der Schrift ist, führt allerdings leicht zu der Annahme führen, dass ich ihn auch in jedem Text finden muss.

Predigtvorbereitung kann so schnell zu einem theologischen Wo-ist-Waldo?-Spiel werden: An welcher Ecke kann ich Jesus entdecken? Ich meine damit nicht: An welcher Stelle kann ich über Jesus reden? Denn das sollte in jeder Predigt passieren. Ich rede von dem Faible, Jesus in den Text einzubauen. Ihn auf der Textebene hinzuzufügen, indem ein Teil der Geschichte als Jesus verstanden wird. Ein kleines Beispiel:

Mose aber weidete die Herde Jetros, seines Schwiegervaters, des Priesters von Midian. Und er trieb die Herde über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusch. Und er sah [hin], und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Und Mose sagte [sich]: Ich will doch hinzutreten und dieses große Gesicht sehen, warum der Dornbusch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er herzutrat, um zu sehen, da rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

(Ex 3,1-4)

Die Geschichte, in der Mose auf den brennenden Busch trifft, ereignete sich knappe 1400 Jahre vor der Geburt Jesu. Oder in der Perspektive des Buches: Es liegen knapp tausend Seiten zwischen den beiden.

Dennoch findet man schnell Auslegungen, die Annehmen, dass Jesus zu Mose aus dem Dornbusch spricht (so z.B. hier). Auf diese Art verortet man das Zentrum unseres Glaubens an einem wunderbar frühen Punkt der biblischen Geschichte. Wo liegt das Problem? Ich glaube, dass das nicht notwendig ist. Ich muss Geschichten aus dem Alten Testament nicht “verbessern”, indem ich Jesus einbaue. Der Text wird sonst zu einem bloßen Aufhänger, damit über Jesus geredet werden kann.

Denn so gesehen ist es einfach: Die Bibel redet an allen Ecken und Enden von Menschen, die gerechtfertigt werden müssen. Es ist nicht so, dass wir im Alten Testament grundsätzlich andere Geschichten lesen. Wir lesen von gefallenen Menschen, die einen Retter benötigen. Das Alte Testament muss von mir nicht “christianisiert” werden.

Es geht nicht darum Jesus krampfhaft in jedem Text zu entdecken, sondern zu zeigen, dass der Gott, der in einem Text aus dem Alten Testament Sünder rechtfertigt, der gleiche Gott ist, der mich in Jesus Christus gerechtfertigt hat.

Gibt es also Texte im Alten Testament, die nichts mit Jesus zu tun haben? Nein, denn Jesus hat es selbst gesagt:

Er sprach aber zu ihnen: Dies sind meine Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen. Dann öffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schriften verständen […]

(Lk 24,44-45)

Gesetz und Propheten ist im Neuen Testament ein feststehender Begriff für das Alte Testament. Jesus sagt damit, dass das Alte Testament in einer Beziehung zu ihm steht. Dass er darin vorkommt. Er sagt aber nicht: Seht mal, ich bin in jedem einzelnen Vers.

Jesus ist nicht in jedem Text. Es muss nicht jeder Vers auf ihn hin ausgelegt werden. Aber er hat eine Beziehung zu jedem Text. Ohne seine Person (Wer Jesus ist) und sein Werk (Was Jesus getan hat) kann das Alte Testament als Teil der Heilsgeschichte Gottes mit der Menschheit nicht verstanden werden. Und so ist er dann die Mitte der Schrift.

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